Ein Wort an die Initiaten der"10-Millionen-Initianten-Initiative" (Schweiz)

Liebe patriotische und rechtsbürgerliche Initianten der 10-Millionen-Initiative,

 

Wenn Sie bereit sind, in kleineren Wohnungen und Häusern zu leben, weniger oder in kleineren Autos zu fahren, auf Ihre Zweitwohnung in den Bergen verzichten, mit weniger Gewinn aus der Immobilien- und Baubranche zufrieden sind und Ihre Kinder nicht an die Uni, sondern in die Lehre für Berufe im Handwerk, in der Pflege und in der Gastronomie schicken – dann könnte man Ihre Absicht zu dieser Initiative ernster nehmen.

 

Urs Heinz Aerni

 


Verlässlichkeit

Ich bin parteilos. Schon alleine deshalb, weil ich mich als Journalist dazu verpflichtet sehe. Unabhängigkeit dient der Glaubwürdigkeit, erlaubt den Blick auf verschiedene Positionen, schärft die Objektivität beim Berichten, ermöglicht eine wertfreie Recherche und fördert eine ausgewogene Darstellung.

 

Das funktioniert nicht immer. Zum Beispiel in Medien, die von Unternehmen, Parteien, Verbänden und Kirchen herausgegeben werden. Hier wird dem Weltbild der Herausgeberschaft entsprechend berichtet und kommentiert. Keine eigenen Produkte werden kritisiert, keine parteifremden Wahlempfehlungen abgegeben oder die Glaubwürdigkeit der hauseigenen Philosophie hinterfragt.

 

Für Medienschaffende wird es immer schwieriger, vom unabhängigen Journalismus zu leben. Ein Spagat zwischen neutraler Publizistik und Unternehmenskommunikation. Ein parteineutraler Politjournalismus hat eine wichtige Funktion für die die Meinungsbildung in einer Demokratie.

 

Das gilt auch für die Wissenschaft. Das ergebnisoffene Forschen ermöglicht wertfreie Schlüsse, die der Wahrheit am nächsten kommen. Aber auch die Wissenschaft gerät in den Strudel der Interessenskonflikte zwischen geldgebenden Konzernen, staatlicher Förderung und dem Gewissen der Fachleute. Es braucht Mut, einem Financier eines Forschungsprojektes mitteilen zu müssen, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, ohne gewünschte Resultate.

 

Einige machen es umgekehrt. Ein Beispiel aus Graubünden. Ein "Diplomierter Naturwissenschaftler ETH Zürich" möchte in’s Kantonsparlament gewählt werden, für eine bürgerliche Partei. Diese Partei hat klare Vorstellungen, wie Landwirtschaft auszusehen hat, was mit dem Wolf passieren und bis wohin der Naturschutz gehen soll. Im Wahlkampf ist dieser Naturwissenschaftler gezwungen, auf keine von der Partei abweichende Meinung zu kommen. Es stellt sich deshalb die Frage, wie seine Einschätzung und Bewertung zu wissenschaftlichen Daten zu bewerten sind. Das gilt logischerweise auch für die "Christliche Wissenschaft" und ihre Meinung zur Evolutionstheorie oder parteiangehörende Richterinnen und Richter als neutrale Instanz der Dritten Gewalt zum Schutz der Grundverfassung.

 

Also gibt es nur eine Lösung: Forschung, Justiz und Journalismus müssten sich vor jedem Weltbild lösen, um den Job richtig machen zu können. Hm ... heißt das jetzt, dass ich aus dem Naturschutzverein austreten müsste?

 

 

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: "Wissenschaft in der Verlässlichkeitsfalle?" von Stefan Böschen, Alfred Nordmann und Carsten Reinhardt, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft.


Fantasielose Strategie

Die Schweizerische Post gehört der Eidgenossenschaft als Alleineigentümerin. Da die Post als Aktiengesellschaft agieren soll, greift der Bundesrat (Schweizer Regierung) nicht in das operative Geschäft ein.

 

Der Staat verlangt von der Post, dass sie die Grundversorgung im Bereich Paket- und Briefpost sowie Zahlungsverkehr garantiert. Obwohl sich alle Aktien im Besitze des Bundes befinden, also der steuerzahlenden Bevölkerung, wird von ihr verlangt, gleichzeitig Rendite abzuwerfen.

 

In Interviews gibt der Post-Chef Pascal Grieder bekannt, dass der Konzern nicht in allen Bereichen Gewinn erwirtschaftet. Während die Umsätze der Pakete steigen, sinken sie bei den Briefen. Pascal Grieder teilt den Medien mit, dass es zu Sparmassnahmen und Stellenstreichungen kommen werde und zu Preiserhöhungen, auch bei der Paket- und Briefpost.

Weil die bisherigen Strategien nicht den erhofften Erfolg brachten, brauche es eine neue. Und wie sieht die aus? Richtig: Service streichen, Personal entlassen und Preise erhöhen. Eigentlich ein fantasieloses Vorgehen durch Führungskräfte, die sich als kreativ und innovativ beschreiben.

In den letzten fünf Jahren erwirtschafteten die von der Post dazu gekauften Digitalfirmen ein Defizit von 342 Millionen Franken, laut Berichten in den «CH Medien».

 

Die Post erscheint in einem neuen Corporate Design mit neuem Logo und Schriftbild. Ein sogenanntes Rebranding in dieser Grössenordnung kostet je nach Quelle einen hohen zweistelligen bis dreistelligen Millionenbetrag. Das alles gehört dazu: Strategie und Designentwicklung mit vielen Tests auf Wirkung und Zeitgeist. Neugestaltung der Fahrzeuge und Waggons durch Lackierung, Folierung, Beschriftung etc. Bauliche Anpassungen samt Neubeschriftung von Filialen. Neugestaltung der Geschäftsdrucksachen, Arbeitsmittel, Arbeitskleidung. Neue Werbeschriften auf und an den Gebäuden, in der Werbung von Print bis Digitalem Auftritt im Web. Nicht zu vergessen die interne Schulung, die Kommunikation und die Einführungskampagne.

 

Während im Ausland die Post auch mit älteren Fahrzeugen ausgeliefert wird oder die Filialen nicht wie Luxus-Boutiquen daherkommen leistet sich unsere Post eine optische Hochglanzauffrischung um dann der Kundschaft, die zugleich Eigentümer ist, den Service zu streichen aber dafür einen höheren Preis einfordert.

 

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: «Innovation mit System» von Thomas Biermann und Günther Der, Springer Verlag

 


FILMTIPP: Eine poetische Liebeserklärung an die Wälder von Vincent Munier: "Das Flüstern der Wälder"

 

Im Kino "Les Paris" in Zürich bestaunten wir zusammen mit 190 Menschen den neue Natur-Dockfilm von Vincent Munier. Der Film ist eine poetische Liebeserklärung an unsere Natur, an die Wälder voller Leben und an unsere Hoffnung, dass das Erbe des Artenreichtums unseren nächsten Generationen erhalten bleibt.
Im anschießenden Gespräch mit Martin Schuck von BirdLife Schweiz und dem Naturfotografen Fabian Fopp zeigten die beiden, wie wichtig aber es auch schön ist, sich für die Natur einzusetzen und ihr reiches Wissen weiter zu vermitteln.
Der Film war in Frankreich und in der französischen Schweiz ein großer Erfolg. Nun läuft er auch in der Deutschschweiz und natürlich auch in Deutschland und Österreich. Hier geht es zu den Aufführungen in der Schweiz:
Ein herzliches Dankeschön für den Auftrag von Filmcoopi und BirdLife Schweiz.

Rolf Lyssy wird 90!

Eine Erinnerungs-Collage von Urs Heinz Aerni zum 90igsten Geburtstag von Rolf Lyssy

 

Ganze neun Jahrzehnte auf diesem Planeten. Was gäbe das für einen Film. So viele schöne Erinnerungen an Momente mit ihm an unzähligen Anlässen ploppen auf.

 

Dazu gehören unsere Buchtaufe "Wunschkolumnen" in Bern, das gemeinsame Entdecken Berlins, Talks am Multimediafestival im Hotel Schweizerhof Lenzerheide in Graubünden oder der Gesprächsabend in La Punt (gleicher Kanton) mit Xavier Koller, Paul Riniker und Monika Schärer über den "Schweizer Film und die Globalisierung". Rolfs Satz: "Wir sind halt ein eigenartiges Land" hallte medial lange nach.

Da funkeln Bilder auf von unseren gemeinsamen Lesungen aus dem Kolumnenbuch wie in Zufikon im Aargau, wo das Licht im Saal erlosch, da man vergaß den Bewegungsmelder zu deaktivieren. Oder gerne denke ich an unser Gespräch über die "Schweizermacher" am Open Air Glarus, wo wir dann bis zum Endes des Films blieben, obwohl wir zuerst gehen wollte, da Rolf meinte: "Ich kenne ihn ja schon." Als das Publikum merkte, dass Rolf noch da war, gab es ein langes Standing ovation.

Und schön waren auch die Interviews zu seinem heute noch wichtigen Buch "Swiss Paradise" am Literaturfestival Sprachsalz in Hall in Tirol. Zusammen mit Dominik Bernet plauderten wir im aargauischen Gränichen auf Einladung der Kulturkommission, die etwas verlegen wirkte, über den Film "Die letzte Pointe", an dem ich auch als Statist im Jazzclub "Moods" mitmachte, um mal ihn als Regisseur zu erleben. Vor einer Veranstaltung im Hotel Beatus in Merligen am Thunersee spazierten wir den Hang hoch, redend über das Leben rund ums Kulturschaffen. Er war dabei, als ich die Filmpremiere von "Marmorera" von Markus Fischer im "Plaza" Zürich moderierte, obwohl die beiden Herren die Qualität des Films unterschiedlich definierten. Zu seinem 70igsten Geburtstag ließen wir den "Ewigen Kalender" von Beat Gloor herumreichen, in das alle Anwesenden an ihrem Geburtstag was Nettes reinschreiben konnten. Schön war sein Mitwirken bei "züri littéraire" im Kaufleuten Zürich zusammen mit Daniel Hell unter der Moderation von Mona Vetsch ... oder war es Röbi Koller?..., als es um Sprache und Psychologie ging. Zusammen mit Christine Siegfried organisierten Rolf und ich das "Journal Zofingen", ein Festival für die Publizistik und Journalismus, an dem gewichtige und neue Namen aus der Welt des Schreibens fröhlich mitmachten.

Es machte immer ein großes Vergnügen, mit Rolf vor Publikum über sein filmisches und schreiberisches Schaffen zu reden, so auch in der Kulturschüür in Laufenburg (eine Stadt in Baden-Württemberg und im Aargau) oder am Festival "Berg & Buch" im Hotel Schweizerhof in Lenzerheide, an dem wir auch mal mit Claudia und Andreas Züllig zusammen über die Frage diskutierten, was eigentlich die Schweiz ausmache.

Und was immer eine Erinnerung mit Nachhall bleiben wird, sind die legendären Jazz-Abende jeweils Donnerstags im Hotel "Eden au Lac" als Rolf Lyssy am Schlagzeug, Jürg Rampspeck am Klavier und mit wechselnden Bassisten die wunderbare Sängerin Rebecca Spiteri begleiteten. Das war der gemütliche Abend in der Woche, an dem man sich zu Drinks und Musik mit Freunden einfand.

Momente wie im Film mit zahlreichen Pointen, die nicht zu den letzten gehören.

Schöne Zeiten, schöne Erinnerungen. Danke Rolf!

 

Urs Heinz Aerni, im Februar 2026

 

SRF-Porträt zu Rolf Lyssy

 


Segen oder...

Eine Kirchgemeinde beschloss, die Rasenfläche um das Gotteshaus herum in eine Naturwiese zu verwandeln. Eine erfreuliche Geschichte, die aber eine Frage auslöst: Wie wirkt Glaube und Religion auf die Natur aus? Oder: Wie gehen Menschen, die an eine Schöpfung glauben, mit der Schöpfung um?

 

Kirchen und religiöse Bewegungen prägten Epochen der Zivilisationsgeschichte. Menschen flüchten aus dem Elend ins Spirituelle, andere sind überzeugt, Gott gefunden zu haben oder ihn vertreten zu müssen Und die Pflanzen, die Tierwelt die Ökosysteme? 

 

Bis ins 20. Jahrhundert beeinflusste Artenschutz den kirchlichen Alltag und die Theologie nicht. Erst mit der Aufklärung, der Wissenschaft und Umweltkrisen, begannen Religionsgemeinschaften und Kirchen sich damit zu befassen.

 

Das jüdisch-christliche anthropozentrische Weltbild, also dass der Mensch die «Krönung» der Schöpfung sei und sich die Erde «untertan» macht, generierte Raubbau, Landbesitz und die Erfindung von «Nutztieren». Daraus folgend entwickelte sich die Hauptaufgabe der religiösen Institutionen in die «seelische», psychologische und soziale Betreuung ihrer Mitglieder, jedoch keine Sensibilisierung für eine ökologische Verantwortung.

 

Abgesehen von den religiös-nationalistisch motivierten Kriegen forderte monumentale sakrale Architektur von der Antike bis in die Neuzeit ein immens großes Menschenopfer, die Zerstörung von Ökosystemen und natürliche Ressourcen.

 

Die von Kirchen und Religionsgemeinschaften beanspruchte moralische Autorität verhinderte weder die Anwendung von Gewalt und Folter noch die Achtung gegenüber all dem Leben rund um den Menschen. Weder engagiert sich der Papst aktiv für den Schutz der Natur, noch appellieren die religiösen Gemeinden die Mitglieder für mehr Verantwortung und Achtsamkeit durch weniger Verbrauch fossiler Rohstoffe oder zu einem umweltverträglichen Lebensstil.

 

Natürlich wollte ich am Schluss noch was Positives finden, wie die Poesie, die Bildende Kunst, die Musik, die dank gottverklärender Hingabe entstanden sind. Dann kam diese Meldung in die Quere: Die Bevölkerung der Stadt Zürich stimmte für das Verbot von benzinbetriebenen Laubbläsern ab, die Lärm, schlechte Luft und Vernichtung von Insekten und Kleingetier verursachen. Wissen Sie, welche Parteien dagegen stimmten? Eine aus der katholischen und eine aus der evangelischen Ursuppe.

 

Ich wünsche besinnliche Tage.

Urs Heinz Aerni

 

Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitung «Reussbote» (Schweiz) veröffentlicht.

 

Buchtipps, die Hoffnung machen?

 

«Schöpfungsverantwortung konkret - Kirchliches Engagement im Bereich Naturschutz und Biodiversität» von Benjamin U. Schwarz, Akademiker Verlag Saarbrücken

 

«fromm + grün - Schöpfungsverantwortung und Nachhaltigkeit in der christlichen Gemeinde» von Thomas Kröck und Heinrich Christian Rust, Neukirchener Verlag Neukirchen-Vluyn.


Muss der Garten "winterfertig" gemacht werden?

Liegen und stehen lassen statt aufräumen und zurückschneiden. Das empfiehlt der Naturschutzverein Albisrieden allen Gartenbesitzende.

Dass die Biodiversität immer mehr abnimmt, ist ein Dauerthema in den Medien und doch werden jedes Jahr die gleichen Fehler gemacht, oft gut gemeint dennoch falsch. Dazu gehört das Herrichten von Gärten für den Winter. Jetzt sind wieder in den Gärten die Gartenunternehmen oder Besitzer zu sehen, die keine Mühen und Kosten scheuen, den Umschwung „winterfertig“ zu machen.

Eine Arbeit, die man sich ersparen kann, teilt der Naturschutzverein Albisrieden mit, denn die Natur mache sich selber auch nicht ‘winterfertig’, oder auf ihre Art so, dass viele Insekten, Kleinsäugern und Vögeln überwintern können.
Die Insekten profitieren nicht nur vom Blütenangebot im Sommer, sondern auch vom Angebot im Herbst und Winter, das aus stehengebliebenen Blumen, Gräser, Stauden und liegendem Laub besteht. Beeren, Samen und Insekten sind das wichtige Futter zum Überwintern der Vögel. Liegendes Laub verhindert Frost und Vereisungen für die im Boden schlummernden Pflanzen und Tiere. Laub- und Asthaufen sind wärmende Verstecke für Kleinsäuger wie der Igel.

Warum braucht es dafür etwas Mut?

Es hat sich eingebürgert, dass in den Wohnquartieren der Garten aufgeräumt und alles herausgeputzt wird. Deshalb erfordert es etwas Mut, Vieles liegen zu lassen und ungeschnitten zu halten. Die Überwindung kann sich lohnen und macht der Natur einen grossen Gefallen.

Kurz und gut, für einen naturfreundlichen Garten hieße das:

- Stehen lassen: Grashalme, Distel- und Sonnenblumen
- Hängen lassen: Beeren, Trauben, Früchte
- Liegen lassen: Laub, flächendeckend als Frostschutz oder als - Haufen als Überwinterungsnest

Die Natur dankt, wenn die Vorstellung von schönen Gärten im Sinne der Artenvielfalt angepasst würde. Dafür werde man nicht nur mit einer prächtigen bunten und summenden Natur im Sommer belohnt, sondern durch das Beobachten der Vögel, die auch im Winter unsere Gärten wieder aufsuchen.


Lesetipp: "Praxishandbuch Stadtnatur":


Reise in die Philippinen via Zofingen

 

Warum sollten Sie am kommenden Wochenende den Zug nach Zofingen nehmen? Und wieso empfehle ich Ihnen, von da aus Richtung Industrie zu spazieren um zum "Kulturhaus West" zu gelangen?

 

Ein Grund könnte sein, dass die schmucke Stadt Zofingen immer eine Reise wert ist, mit dem Beinamen "Thutstadt", zurückführend auf eine historisch legendäre Figur des 14. Jahrhunderts.

 

An diesem Samstagvormittag darf ich zusammen mit Rainer Werding und Jörg Schwieger auf der Bühne im Kulturhaus West sitzen. Die beiden veröffentlichten das "Handbuch Philippinen". Unser Gespräch ist die erste Veranstaltung an den Literaturtagen Zofingen, die in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Buchmesse Kulturschaffende aus den Philippinen nach Zofingen einladen. Neue Bücher und ein Film werden uns ein fernes Land näher bringen. Der Archipel besteht aus über 7'600 Inseln, wird von über 109 Millionen Menschen bevölkert die sich in 183 Sprachen unterhalten.

 

Vor den Lesungen und Podien mit den Gästen aus den Philippinen - zusammen mit Dolmetscherinnen und Schauspielern - werde ich mich mit den beiden Publizisten unterhalten, über die "Perle des Ostens", wie die Philippinen auch genannt wird.

 

Ein Land, das in vielen Inseln zersplittert ist mit lokalen Kulturen. Es ist ein Land mit einer unglaublichem Artenvielfalt in der Natur. Die Philippinen gerieten aber auch in die Schlagzeilen: der Kampf auf dem Grat zwischen Diktatur und Demokratie, Unruhen, Jugendrevolten, Armut und Erdbeben

 

Wer das Land und die Menschen besser verstehen möchte, kommt nicht umhin gute Bücher zu lesen. Das oben erwähnte Handbuch hilft, sich an dieses facettenreiche Land nähern zu können. Poesie und Belletristik ermöglichen, sich in die Seelen dieses Landes einzulesen. Ich habe bewusst "Seelen" geschrieben statt "Seele". Denn hat unsere kleine Schweiz nicht auch mannigfaltige Charakteren und Seelen je nach Sprachregion?

 

Wenn Sie also am kommenden Wochenende nach Zofingen reisen, dann geraten Sie nicht nur in einen anderen und schönen Teil der Schweiz, sondern in eine fantastische Welt voller Geschichten umgeben vom tiefen Blau des Meeres.

 

 

www.literaturtagezofingen.ch

 

Buchtipp: "Handbuch Philippinen" von Rainer Werning und Jörg Schwieger (Hg.), Regiospectra Verlag

 


Die Voliere Mythenquai lud zum 125 Jahre-Jubiläum ein, in jugendlicher Frische

"Was soll ich tun, wenn ein Mauersegler notlanden musste?"
"Ab wann braucht ein Jungvogel Hilfe?"
"Warum ziehen Vögel eigentlich in den Süden?"

Diese und viele andere Fragen wurden vom Publikum gestellt, am Tag des 125-jährigen Jubiläums der Voliere Mythenquai Zürich, zu der auch eine Pflegestation für Wildvögel gehört. Bei prächtigem Spätsommerwetter luden Infostände, Führungen, Vorträge und ein Quiz Menschen ein, die mehr über die Vogel- und Naturwelt erfahren möchten.

Artenschutz und gefiederte Charakter

Vor vollen Rängen erzählten Fachleute im eigens dafür aufgebauten Zelt über ihre Arbeit mit Vögeln und über Artenschutzprogramme. Prof. Dr. Matthias Reinschmidt ist Zoodirektor in Karlsruhe und vermittelte Einblicke in die Artenschutzreisen, die er mit Frank Elstner unternahm, zeigte aber auch auf, wie die Aufgaben von Zoos für Bildung und Artenschutz immer wichtiger werden. Die Wildtierbiologin Katja Rauchenstein veranschaulichte, wie sehr sich die Charakteren zwischen einzelnen Vögeln unterscheiden können. Elisabeth Schlumpf und Marc Stähli bilden das Pflegeteam in der Voliere und führten die Gäste durch ihren Alltag, zu der auch die Pflege von heimischen gefiederten Patienten gehört.

Genuss und Zukunftspläne

In Zusammenarbeit mit dem Zürcher Tierschutz, Freiwilligen und Vorstandsmitgliedern der Voliere Gesellschaft Zürich gelang ein buntes Jubiläumsfest. An Infoständen durften Besucher Ferngläser ausprobieren, in Bestimmungsbüchern blättern und Fragen stellen. Ein Foodtruck und Gelati-Wagen stillten den Hunger und die Lust nach Süßem.

Die vielen Fragen von Groß und Klein und das Interesse des Publikums bestätigen die Notwendigkeit des anstehenden und in Planung befindlichen Projektes, die Einrichtung eines Naturzentrums. Dieses soll die Öffentlichkeit niederschwellig über Vögel, Ökologie und die Natur in der Stadt informieren sowie für den Umweltschutz sensibilisieren. Laut der Projektleitung durch Rommy Los und Sandra Gloor, sei man auf gutem Wege, und in Vorfreude auf baldige Neuigkeiten, die dazu bekannt gegeben werden können.

Denn das 125-Jahre-Jubiläum steht auch für einen Neustart in die Zukunft. Die Öffentlichkeit kann ein Teil der kommenden Projekte sein - durch Spenden, Besuche und Mitgliedschaften. Für die Verantwortung, die wir gegenüber der Natur haben.

 

www.voliere.ch


Es geht weiter, mit den schönen und guten Büchern

In der Buchhandlung Orell Füssli Thalia am Bellevue Zürich trafen sich mit der Moderatorin Christina Caprez folgende Menschen aus der Welt der unabhängigen Buchverlage: Patrizia Grab vom Rotpunktverlag, Hildegard Keller vom Verlag Maulhelden, Ricco Bilger vom Bilgerverlag und Bernhard Echte vom Verlag Nimbus.

 

Es ging um die Risiken und Chancen von Schweizer Buchverlagen im Kontext des Wandels im Konsum- und Leseverhalten, des schrumpfenden Feuilletons und der Dominanz der großen Verlagskonzerne. Trotz den genannten Herausforderungen rutschte die Veranstaltung, die von Christina Caprez hervorragend moderiert wurde, nicht in ein nächtliches Jammerlied.

 

Geld für Gedrucktes

 

Die Lust an Büchern, der Wille zu Inhalt statt Rendite und eine Zuversicht auf kommende lesefreundliche und neugierige Generationen prägten das Gespräch. Natürlich kamen die finanziellen Schwierigkeiten zur Sprache, wie Sparprogramme in der öffentlichen Literatur-

und Kulturförderung, die hohen Produktions- und Vertriebskosten oder der preisliche Konkurrenzdruck aus dem Ausland. Deshalb äußerten sich die beteiligten Talk-Gäste frei und offen, dass die schönen Künste auch hier nicht ohne Querfinanzierung auskommen sollen. Sei es die Unterstützungen durch Stiftungen oder Mäzenatentum, die Finanzierung aus dem Immobiliengeschäft oder dass das Büchermachen ein Geschäftszweig eines Unternehmens ist, das sonst in anderen Branchen gutes Geld verdient.

 

Quote statt Feuilleton

 

Die Medien kamen auch zur Sprache. Das Feuilleton bricht weg, das Ressort "Kultur" vermischt sich mit "Gesellschaft & Leben" oder es werden Bücher nicht mehr rezensiert, sondern lediglich als Anlass genommen um über ein gesellschaftliches Thema zu berichten. Die Angestellten in Medienhäusern stehen unter Quotendruck, die Freien haben mit dem Angebot einer Besprechung eines Lyrikbandes keine Chance und entscheiden sich für Bestseller-Rezensionen in der Hoffnung, dass sie in der zweiten Auflage auf der Buchrückseite zitiert werden. Und allen, die über den Qualitätsschwund der Medien schimpfen, sei es erlaubt sich zu fragen, wie viel Geld sie selber noch für den Qualitätsjournalismus ausgeben.

 

Fazit

 

Im hell wachen Publikum befanden sich auch Kolleginnen und Kollegen aus anderen Verlage wie Edition 8, Ars Remata, Lockwort und die Lesestoff-Gruppe.

Das anregende Podium, die anschließenden Gespräche zum von Orell Füssli Thalia offerierten Aperitif, lässt eine zuversichtliche Stimmung zurück, die besagt, dass uns das Gegenmittel zu dieser verrückten Welt, das Buch, noch lange erhalten bleibt.

 

Kommentar

 

Und wohl gemerkt, der mediale Hype um den blutjungen Schriftsteller aus Thalwil am Zürichsee mit seinem Roman über eine Familiendynastie in Ungarn, der jetzt via Literaturagentur in 20 Sprachen übersetzt wird, veröffentlichte seine ersten Texte bei Rotpunktverlag und Arisverlag. Wäre ihm das nicht möglich gewesen, hätte er vielleicht nicht weiter geschrieben. Es ist's halt wie beim Fußball; hierzulande werden die jungen Talente gefunden und bis zur obersten Schweizer Liga trainiert, um sie dann wieder via Pay-TV in den großen Ligen der Welt zu finden.

 

Urs Heinz Aerni


Eigenverantwortung?

 

In der Nacht des Jahreswechsels von 2024 auf 2025 musste nach der 26-jährigen Freibergerstute Jessica und dem 31-jährigen Pony Chicco gesucht werden. Die Stalltüre war samt Schrauben aus der Verankerung gerissen. Die Besitzer, die Polizei und die Feuerwehr durchsuchten den Wald und die Wiesen. Die verschüchterten Tiere wurden im Morgengrauen gefunden. Das war bei Ehrendingen im Kanton Aargau. Der Grund für ihre panische Flucht war die Knallerei der Feuerwerke. Obwohl die Tiere an Autos, Traktoren und LKWs gewohnt sind, bricht immer wieder bei Silvester und am 1. August Panik aus. Laut Auskunft der Tierbesitzerin gegenüber der «Aargauer Zeitung» mussten schon «Kühe notgeschlachtet» werden, weil sie Abfälle von Feuerwerkskörpern gefressen hatten. Auch Wodkaflaschen lagen im Gras. Nach vielen erfolglosen Gesprächsversuchen mit den Feiernden bat die Landwirtin die Gemeindebehörde um Hilfe.

 

Der Dreck aus Holzleisten, Chemikalien und Kunststoffteile, der nach jedem noch so kleinen Feuerwerk in der Natur herumzuliegen kommt, ist das Übel, nebst der Luftverschmutzung und dem Lärm. Auch wenn einzelne Gemeinde auf Feuerwerke am 1. August verzichten, nicht nur wegen Waldbrandgefahr, zündeln immer mehr Private im Garten und auf dem Balkon immer lautere pyrotechnische Wunderwaffen, andere sprengen ganze Tiefgaragen zusammen.

 

«Die Tiere denken doch, dass da ein Gewitter kommt.» ist oft zu hören. Dieses Argument funktioniert leider nicht, denn ein Gewitter kündigt sich durch Verdunkelung von Himmel oder Sterne an, durch Windwechsel und zunehmende Feuchtigkeit in der Luft. Das spürt der Hase, das Reh und die Amsel. Unvermittelte Explosionen mit anschliessendem Materialregen löst dergestalt bei Tieren eine Panik aus, dass Vögel in Wände und Scheiben fliegen oder das Herz gleichganz stehen bleibt.

 

Die obengenannte Bauerfamilie erhielt von der Gemeinde die Antwort, dass man den Menschen ihre «Freiheit» lassen wolle und auf «Selbstverantwortung» setze.

 

Edle Worte, die von immer mehr Menschen verinnerlicht werden so zum Beispiel vom Raser, dem giftelnden Gärtner, dem Trunkenbold am Steuer und dem verschuldeten Zocker. Eigen- oder Selbstverantwortung setzt Bildung, Vernunft, gesundes Selbstverständnis und Empathie voraus.

 

Apropos Bildung: Wenn Sie ein privates Feuerwerk am Nationalfeiertag planen sollten, dann lässt sich durch dieses Buch hervorragend Weiterbilden, um zu wissen, was damit der Umwelt angetan wird:

 

«Chemische Grundlagen der Pyrotechnik» von Georg Schwedt, Springer Verlag. In jeder guten Buchhandlung erhältlich.

 

 

 

 


Die Stadt und ihre Wildnis

Ein Wildtier-Expedition mitten in Zürich

 

Die Mittelmeermöwen segelten gegen den Wind und die Wellen des Sees schwappten über die Mauer. Das war die Kulisse zum Start der Führung über Wildtiere in der Stadt mit der Verhaltensbiologin Katja Rauchenstein. 25 Interessierte folgten der Einladung der Vogelpflegestation und Voliere Gesellschaft Mythenquai, um mehr über wilde Tiere in der Stadt zu erfahren.

 

Die Hälfte aller Tierarten in der Schweiz kommt auch in der Stadt Zürich vor, erklärte die Expertin auf dem Spaziergang Richtung Schanzengraben. Der grösste Teil der Säugetiere machen die 30 Fledermausarten aus, von denen 15 Arten ebenso in der Limmatstadt zu Hause sind. Und in der Tat, wurde die Gruppe Zeuge, wie eine junge Wasserfledermaus sich fast aus einem Versteck unter einer Brücke wagte. Allerdings geht es dem Volksliebling Igel nicht gut. Die Bestände gehen zurück und man versucht, die Gründe dafür zu finden. Katja Rauchenstein appelliert für naturnahe Gärten mit einheimischen Pflanzen, Totholz, kein Insektengift und Versteckmöglichkeiten.

 

Für unsere Tierwelt sei die zunehmende Lichtverschmutzung eine Bedrohung fürs Überleben. Amphibien können nach Blendung lange nichts sehen, Insekten verlieren die Orientierung und Vögel würden beim Brüten und der Nachtruhe markant gestört. Gegenmassnahmen wären weniger Streulicht bei Laternen und der Verzicht von Lichtinstallationen in Gärten, die nur dem Schein dienen.

 

Zum Abschluss beantwortete die Naturfachfrau noch viele Fragen im Schanzengraben, wo Gänsesäger vorbeischwimmen und unter den Füssen Fische entdeckt werden konnten, wie die Alet oder der Flussbarsch im Volksmund Egli. Übrigens, nebst den hier 20 vorkommenden Fischarten gehört auch die sehr bedrohte Nase. Zum Glück gibt es doch den Schanzengraben.

 

PS: Zum Ausklang  blieben noch ein paar Teilnehmerinnen an der Sihl sitzen um zu plaudern und Vögel zu beobachten in der Abenddämmerung. Andrea Wahrenberger kam später nochmals mit ihrer Kamera zurück und entdeckte diese Grauschnäpper-Familie. Danke für das Bild!

 


Print ist nicht gleich Print?

Vergnügt stellte ich nach der Lektüre das Buch in das Regal. Es ist der Roman von Lukas Holliger "1983. Verfluchte Hitze". Das Buch verknüpft drei historische Ereignisse: Der Skandal um die Berner Novosti-Agentur, ein Fall um eine Basler Spionin im Auftrag der Sowjetunion und ein Mord an einem Hellseher. Aber nicht nur, denn Holliger gelingt eine hochironische Rückschau mit allem Drum und Dran auf das Jahr 1983.

 

Das Buch gibt es in allen deutschsprachigen Buchhandlungen. In der Buchhandlung Eissing in Pappenburg für 26 Euro, in der "Anderen Buchhandlung" in Rostock ebenso. In der Schweiz möchte die Buchhandlung Buchhaus Lüthy dafür 26 Franken, Librium in Baden 31 Franken, Orell Füssli Brugg 31.90 und die Buchhandlung Otz in Lenzburg 30 Franken. Während im 90-Millionen großen Deutschland das Buch von der Nordsee bis ins Allgäu in allen Buchhandlungen gleich teuer ist, jonglieren die hiesigen Geschäfte mit den Preisen.

 

In Deutschland und in Österreich gibt es eine Buchpreisbindung, eine gesetzliche Pflicht für alle Läden, den vom Verlag vorgegebenen Verkaufspreis zu übernehmen. Der Grund: Das Buch hat als Kultur- und Bildungsgut eine Sonderstellung. Eine Grundversorgung der Lesensmittel für alle. Diese Buchpreisbindung wurde in der Schweiz 2007 per Volksentscheid abgeschafft, hier soll der freie Markt walten. Einerseits nachvollziehbar, andererseits geraten unabhängige Buchhandlungen und Verlage unter Druck gegenüber Handelsketten und Großverlagen, die mit der Menge auf die Preise Einfluss nehmen. Sprich: Bücher für Nischenpublikum werden teurer, die Masse der Bestseller günstiger. Ok, der Schweizer Buchhandel hat überlebt, bis jetzt. Allerdings nicht ohne Kulturförderung mit Steuergeldern oder Spendensammlungen zur Erhaltung von Verlagen, die nicht Sex & Crime drucken.

Neulich kaufte ich am Kiosk die Zeitung "Die Zeit", die beste Wochenzeitung neben dem Wiener "Falter". 9.50 Franken. Ok, ich zahle das gerne, ist ja viel Recherche und viel Text. Aber doch fast 10 Franken. Ein vom Zeitungsverlag aufgedruckter Preis, wie bei allen anderen Printmedien, vom "Spiegel" über die "Aargauer Zeitung" bis zum "Reussbote". Ist nachvollziehbar, denn nur der Hersteller weiß, mit welchem Verkaufspreis die Ausgaben wieder hereingeholt werden. Und Lesen bildet. Aber warum geht das bei Printmedien und nicht bei gedruckten Büchern?

 

 


Als der Zug stand

„Bitte bedienen Sie sich an der Selbstbedienung“ informierte ein Schild in einer Autobahnraststätte in Deutschland. Herrlich dieser Satz, nicht? Über dem Eingang einer Toilette eines Restaurants stand zu lesen: „Getränkerückgabe“. Wie schön, wenn in der Kommunikation mit Witz gespielt wird, doch was geschieht, wenn die Kommunikation mal gänzlich fehlt?

 

Der ICE von Zürich nach Lausanne bleibt in Olten stehen. Nun sitzen wir all hier, die lärmenden Schulklassen, das Rentnerehepaar und der junge Mann, der in die digitalen Tiefen des Handys versunken ist.

Zehn Minuten … eine halbe Stunde, und das alles ohne Informationen aus dem Lautsprecher. Die Stimmung wird gereizt. Kopfschütteln, Fingertrommeln, Aufstehen und Hinsetzen künden Ungeduld an. Unsicherheit entsteht durch Unwissenheit. Warum geht es nicht weiter? Was ist passiert? In diesem Moment versagt unsere Informationsgesellschaft. Wie viele Passagiere hätten ihr Königreich für eine Erklärung zur rechten Zeit gegeben.

Simone de Beauvoir sagte mal: «Die Unwissenheit ist eine Situation, die den Menschen so hermetisch abschließt wie ein Gefängnis.»

 

In diesem stehenden Zug sitzen Menschen, die vielleicht einen PC zusammensetzen, ein Gedicht aufsagen oder chemische Formeln erklären könnten. Doch all das hier versammelte Konzentrat an Wissen bringt weder den Zug in Fahrt noch eine Entspannung in die Gemüter. Wissen ist relativ. Es gibt doch noch Momente in einer Gesellschaft, die die Besser- und Alleswisser ratlos machen, wie gerade jetzt, im stehenden Zug ohne Durchsage. Irgendwo las ich von einer Studie, die besagt, dass Unwissen die Bereitschaft zur Gewalt fördert. Der letzte Weg, um aus der Machtlosigkeit rauszukommen?

 

«Der traurigste Aspekt derzeit ist, dass die Wissenschaft schneller Wissen sammelt, als die Gesellschaft Weisheit.» Dieser Satz stammt vom Biochemiker und Science-Fiction-Schriftsteller Isaac Asimov. Wissen bringt uns etwas, wenn wir verstehen möchten. Das geht nicht ohne Empathie. Etwas nachvollziehen zu können generiert oft eine Neuauswertung von bisherigem Wissen.

 

Bescheid zu wissen, ist beruhigend. Eine Erleichterung geht durch das Zugsabteil, als der Kondukteur dann doch noch mit Red und Antwort für die Weiterfahrtsverzögerung erscheint. Als die Fahrgäste sich über die stummen Lautsprecher beschwerten, sagt der verblüffte Mann: «Das habe ich nicht gewusst.»

 

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Der passende Buchtipp:

„Die Kunst, gute Gespräche zu führen – Kommunikation ist mehr als Sprache“ von Ulrike Bartholomäus

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung "Reussbote"

 


Nützlich?

 

Ein Journalist stellte einem Forscherpaar, das sich für die Wiederansiedlung des Bartgeiers in den Alpen engagiert, die Frage: «Sind die Bartgeier überhaupt nützlich?» Jetzt mal ehrlich, gibt es Tiere oder Pflanzen, die in der Natur eine überflüssige Rolle einnehmen? Der in alter Zeit als Lämmergeier verschriene Vogel wurde durch bildungsferne Alpenvölker ausgerottet, da dieser nebst jungen Schafen auch Kinder verschleppt haben soll. Heute wurde er nicht nur wieder erfolgreich angesiedelt, sondern man weiß auch mehr über ihn. Wie alle Geier hat auch er es ausschließlich auf Aas abgesehen. Nicht nur auf Fleischreste ist er scharf, sondern er vertilgt blanke Knochen restlos. Diese machen 70 Prozent seiner Nahrung aus, verdaut und zersetzt von einem unempfindlichen Magen samt seinen Säuren.


Ohne innere Verletzung schluckt der Bartgeier bis 20 cm lange Knochen und sollten sie doch zu gross sein, dann lässt er sie auf Felsen fallen, bis sie splittern. Falls das Angebot den Bedarf nicht decken sollte, kann er mit seiner Flugkunst Tiere zum Absturz bringen, gegen Frischfleisch hat er nämlich nichts; allerdings sind solche Beobachtungen so sehr selten, dass sich die Wissenschaft darüber noch streitet. Der Bartgeier reguliert also das Steinwild und räumt erst noch bis zum letzten Knochen auf.


Und was gaben die Geier-Experten zur von dem obengenannten Journalisten als Antwort? «Vielleicht hat er nur einen Nutzen in sich selbst.» Und die Kollegin meint, dass die Bartgeier als «Flagships» benutzt werden, weil sie «viele Sympathien» genössen. Aha, wegen Sympathien schützen wir heute diesen Vogel, weil er in früheren Zeiten mal unsympathisch war?
Der Zeitgeist und die Aufklärung führen übrigens immer wieder zu Namensänderungen wie eben vom «Lämmergeier» zum «Bartgeier». Der «Ziegenmelker» heisst jetzt offiziell «Nachtschwalbe», da der Vogel die Ziegen nicht melkt. Und neu ist vom «Beutejäger» die Rede und nicht mehr vom «Raubvogel», da es sich hier beim Fressen von anderen Tieren nicht um einen Strafbestand handelt.


Kommen wir nochmals zurück auf die eingangs erwähnte Frage nach der «Nützlichkeit» von Tierarten. Stellen Sie sich vor, wenn die Natur plötzlich beginnen würde über die Nützlichkeit des Menschen nachzudenken!

 

Dieser Text ist zuerst in der Zeitung "Reussbote" erschienen.

Mehr Informatonen zur Stiftng Pro Bartgeier finden sich hier ber Anklick.

 

«Humor motiviert»

Biochemiker Alexander Lammers vermittelt Wissen mit Witz

Urs Heinz Aerni: Mit einem abgewandelten Zitat von Obelix, das nun nicht auf die alten Römer, sondern die Welt der Wissenschaft gemünzt ist, treten Sie auf die Bühne. Humor und Wissenschaft, erst recht seit der Pandemie oder schon immer ein Thema für Sie?

 

Alexander Lammers: Schon immer! Humor verbindet, lockert die Atmosphäre und ist schlichtweg unterhaltsam. Meiner Meinung nach sehr wichtige Voraussetzungen, um globale Probleme wie die Antibiotika-Resistenzkrise angehen zu können. Wohlbemerkt sollte Humor aber gerade bei solch ernsten Themen auch gut dosiert sein. Schafft man allerdings diesen Spagat, entlässt man im besten Fall nicht nur ein informiertes, sondern auch motiviertes Publikum. Denn die meisten globalen Probleme lassen sich nicht allein durch Forschungsergebnisse lösen, sondern nur durch eine starke Gesellschaft, die aufgeklärt ist und mit anpackt.

 

Kommen wir auf das Tier Ihres Auftritts zu sprechen, die Spinne. Eine besondere Art, nach der Sie in Namibia auf die Suche gingen, soll uns ein neues Antibiotikum bringen, während viele herkömmliche an Wirkung verlieren. Besteht Hoffnung?

 

Auf jeden Fall. Ansonsten hätten wir diese aufwendige und teure Forschung vermutlich gar nicht betrieben. Allerdings lässt sich die Antibiotika-Resistenzkrise leider weder durch eine Doktorarbeit noch durch ein einziges Antibiotikum lösen.

 

Was braucht es denn noch?

 

In den kommenden Jahrzehnten brauchen wir nicht nur neue Antibiotika, sondern müssen auch unseren Antibiotika-Konsum verändern. Gleichzeitig werden bereits alternative Strategien zu Antibiotika erforscht und angewendet. Mit unseren Untersuchungen dieser Spinnenart haben wir einen wichtigen Schritt gemacht, stehen aber erst am Anfang eines langen Weges.

 

Ihre Absicht, Wissenschaftsvermittlung mit Unterhaltung zu verknüpfen, täte so mancher Lesung an der Uni gut. Oder wird da mehr gelacht, als wir Außenstehende es ahnen?

 

Die Stimmung im Hörsaal ist wahrscheinlich lockerer, als man denken mag. Dennoch steht natürlich die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte im Mittelpunkt, und das ist auch gut so. Wie diese genau aufbereitet werden, hängt allerdings sehr stark von den Dozierenden ab. Es gibt durchaus tolle Beispiele für Vorlesungen, in denen nicht nur der Inhalt qualitativ hochwertig, sondern auch sehr ansprechend aufbereitet wurde.

 

Zum Schluss noch unter uns: Wie groß ist Ihre Angst vor Spinnen, so im Alltag?

 

Ich bin wirklich kein großer Freund von Spinnen. Das war noch nie so und hat sich auch durch meine Forschung leider nicht verändert. Gerade während der Expedition nach Namibia bin ich also nicht nur wegen der Hitze ins Schwitzen gekommen. Dazu aber erfahren Sie bei meinen Vorträgen...

 

 

Über Alexander Lammers:

Während der Doktorarbeit in Biochemie untersuchte Alexander Lammers verschiedenste Ökosysteme von der Arktis bis hin zur Kalahari-Savanne. Diese Erfahrungen haben nicht nur sein Verständnis von Wissenschaft geprägt, sondern auch seine Leidenschaft geweckt, sie mit der Welt zu teilen. Ob auf der Bühne bei Science Slams, visualisiert als Infografik oder als Text verfasst, hat sich Lammers zur Aufgabe gemacht, Wissenschaft verständlich zu erzählen und damit für mehr Menschen zugänglich zu machen. Mehr Infos auf der Webseite von Alexander Lammers...

Das Interview erschien zuerst in  der Zeitung "Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern".

Die Rückkehr

Kehren wir wieder zurück? Von der aufgeklärten Demokratie ins Zeitalter der Könige und Kaiser vor der Französischen Revolution?

 

Der Kapitalismus und der Nationalismus beerdigen die Aufklärung, die Allgemeinbildung und die demokratische Freiheit und ihre Werte Schaufel für Schaufel.

 

Warum ist das möglich?

Der Kapitalismus oder die reine Renditemaximierung gekoppelt mit dem Nationalismus lassen die Vielfalt der Medien und den kritischen Journalismus, die sogenannte Vierte Macht im Lande, erodieren.

 

Wie?

Große Medienhäuser lagern die Wertschöpfung der Werbung in neue digitale Angebote aus, so dass dem Kerngeschäft - dem Journalismus - die finanzielle Grundlage entzogen wird.

Arbeitsstellen in den Redaktionen werden aufgehoben, Regional- und Lokalmedien zusammengestrichen. Medien werden zu PR-Plattformen und News-Apps begrenzen sich auf Schlagzeilen. Statt sich auf den Qualitäts-Journalismus zurückzubesinnen, lassen sich die Medienverlage durch das schnelle und viele Geld vom digitalen Zirkus verführen.

 

Diese immens erfolgreichen Geschäftsmodelle werden nun gekapert von geldschweren Menschen für eine Hirnwäsche, die alle anderen Varianten von Anschauungen und Informationen wegspülen.

So muss die Konsumentin und der Bürger eine Medienkompetenz besitzen, um die Herkunft der Infos und Kommentare einschätzen zu können.

 

Doch was geschieht?

 

Immer mehr Zeitgenossen tummeln sich auf den Sozialen Medien in den Kreisen, die genau in das eigene festgezurrte Weltbild passen. So entsteht ein Tunnelblick auf unsere Welt, chancenlos andere Sichtweisen, Erfahrungen und Ideen wahrzunehmen. Es entstehen „geschützte Werkstätten“ im Geiste. Was früher die Hörigkeit gegenüber Kirche und Kaiser geistig erblinden ließ, tut es heute die Bubble, aus der keiner mehr raus will.

 

Fazit: Die Errungenschaften in der Kommunikationstechnik wird zu einem Eigentor für alle, die Pluralismus, Denkfreiheit, Demokratie und Menschenrechte als die Grundwerte für eine Zukunft der Vernunft und Verantwortung sehen.

 

Die Menschheit begann im 19. Jahrhundert sich von der Macht der Staaten und der Kirchen durch Aufklärung und Eigenverantwortung zu befreien um sich im 21. Jahrhundert wieder unter die Macht von superreichen Egozentrikern zu verkriechen.

 

 

Buchtipp: „Demokratie – ein Nachruf“ von Rainer Mausfeld, Westend Verlag

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Zeitung „Reussbote“ (Schweiz) und UZ Wien


Schlechte Zeiten für Printlesende?

 

Das Ausgehmagazin "Züritipp" wird eingestellt, das Programmmagazin von "Deutschlandradio" gibt es nur noch online, die stadtzürcher Zeitungen der Lokalinfo wie "Zürich West" sind Geschichte, das Magazin "Die Umwelt" des Schweizer Bundesamtes für Umwelt wird nicht mehr gedruckt und die taz stellt ihre Printausgabe auf Oktober 2025 ein.

 

Bewahren wir mit Kauf und Abo diese weiter existierende Printmedien als kleine Auswahl an Empfehlungen:

 

"Lesart" ein engagiertes Literaturmagazin aus Rostock: https://www.lesart-literatur.de/

 

"Die Zeit", die beste Wochenzeitung aus Deutschland: https://www.zeit.de/index

 

"Falter", die beste Wochenzeitung aus Österreich: https://www.falter.at/

 

"P.S. Zeitung", eine engagierte linke Wochenzeitung in Zürich: https://www.pszeitung.ch/

 

"Volltext", ein großartiges Literaturmagazin aus Wien: https://volltext.net/

 

"Lettre", das beste Kulturmagazin Europas aus Berlin: https://www.lettre.de/

 

"50plus", das Magazin über Gesellschaft, Kultur und mehr: https://50plusmagazin.ch/

 

"Buchkultur", das schöne Buchmagazin aus Wien: https://www.buchkultur.net/

 

"Reportagen", das großartige Journalismus-Magazin: https://reportagen.com/

 

"Lesen", das literarische Kundenmagazin Orell Füssli Thalia Schweiz: https://www.orellfuessli.ch/services/lesen-magazin

 

"Ornis", das Magazin für Natur und Vögel von BirdLife Schweiz: https://www.birdlife.ch/de/content/zeitschrift-ornis

 

"Falke", das beste Magazin für Natur- und Vogelfreunde: https://www.falke-journal.de/das-magazin/

 

Und, richtig: Gedruckte Bücher in schönen Buchhandlungen. Hier drei Tipps:

 

Österreich: Buchhandlung Heyn in Klagenfurt: https://www.heyn.at/home

Schweiz: Buchhandlung Zum Geeren in Dielsdorf: https://www.zumgeeren.ch/

Deutschland: Buchhandlung +Buch in Stralsund: https://plus-buch.de/

 

Tja, liebe lesende Mitmenschen von Gedrucktem, es herrschen doch noch gute Zeiten, zumal, was das hier angeht.

 

 

Urs Heinz Aerni

 

 


Schüttelzug und Teneriffa

 

Frau D. W. aus Luzern fuhr mit der Bahn. Als sie ausstieg, meldete ihr Handy, dass sie 10'000 Schritte gemacht habe. Sie staunte nicht schlecht, denn sie saß ja nur im Zug. Nicht in irgendeinem Zug, sondern im FV-Dosto. Genannt „Schüttelzug“, ein Fehleinkauf der SBB, für 1,9 Milliarden Franken, der nun laut K-Tipp für 250 Millionen nachgebessert werden muss. Die Fitness-Center könnten doch mit der Bahn zusammen ein neues Produkt anbieten; ein Abo, das auch für die Bahn gültig ist, denn wer macht nicht gerne Sport im Sitzen?

 

Diese Zeilen entstehen auf der Terrasse einer Ferienwohnung auf Teneriffa mit Gesängen von Samtkopfgrasmücken und Kanarengirlitze und bellenden Hunden aus dem Dorf. Aus bekannten und persönlichen Gründen tue ich mich schwer mit dem Fliegen und doch sitze ich hier im winterlichen Sommer. Einerseits für eine Recherche und ja, weil es schlicht wunderschön ist, hier unweit des höchsten Berges von Spanien, dem Teide.

 

Ein Inselkenner gibt auf einer Wanderung auf schwarzem Lavaboden Auskunft über die hiesige gesellschaftliche Entwicklung. Auch auf Teneriffa scheint der Massentourismus dergestalt zuzunehmen, dass Einheimische zu protestieren beginnen.

Riesige Hotels spriessen an den Küsten, der Energie- und Wasserbrauch nehme zu, die Verschmutzung des Meeres auch. Zuerst lockt das Geld, dann wird investiert und geworben und jetzt boomt das Feriengeschäft. Wie heißt es frei nach Goethe?: „Die ich rief, die Geister / Werd’ ich nun nicht los.“

Unser Domizil, das für Umweltverträglichkeit steht, liegt in einer Landschaft mit Einfamilienhäusern und Villen. Viele der Eigenheime sind neu gebaut oder frisch verputzt. Die Gärten gleichen Parkanlagen, die Steinböden geschrubbt, die Autos glänzen und Hunde warnen. Drum herum ist Brachland; steinig, Gebüsche, wilde Blumen, Gräser und altes Gehölz; eigentlich perfekt für die Artenvielfalt. Wenn da nicht überall Plastikflaschen, Dosen, Zigarettenpäckchen und ganze Autoteile herumlägen. Wie heißt es im englischen Sprichwort?: „My home is may castle“. Und dazu könnte man setzen: „Was geht mich die Welt da draußen an?“ Es scheint das Denkmuster zu sein, im Süden, nicht nur auf Teneriffa. Die Natur gehört uns allen, samt dem Müll, der sie zerstört. Warum demonstrieren nicht mal die Touristen auf den Ferieninseln? Mit Transparenten wie „Nicht wir Touris brachten den Dreck, der war schon vor uns hier.“ Oder so?

 

Urs Heinz Aerni

 

Lektüretipps:

 

„Tourismus in Wirtschaft, Gesellschaft, Raum und Umwelt“ von Andreas Kagermeier, UTB, 978-3-8252-5452-0

 

„Sanfter Tourismus - Von der Tourismuskritik über den Overtourismus zur Nachhaltigkeit - Chancen und Probleme der Realisierung eines ökologieorientierten und sozialverträglichen Tourismus durch deutsche Reiseveranstalter“ von Torsten Kirstges, Oldenbourg Verlag, 978-3-935923-32-3

 

 

Tüpfelsumpfhuhn und Blaukehlchen

Wir genossen einen fantastischen Abend unter der Leitung von Martin Schuck von BirdLife Schweiz im Neeracherried.
Hier eine Auswahl der gesichteten Vögel: Flussuferläufer, Alpenstrandläufer, Kampfläufer, Grünschenkel, Bruchwasserläufer, Bekassine, Kiebitz, Baumfalke, Rohrweihe, Teichhuhn, Trauerschnäpper, Hohltaube, Eisvogel, Sandregenpfeifer, Weißsterniges Blaukehlchen und nebst anderen weiteren Artren auch das Tüpfelsumpfhuhn, hier fotografiert von Ueli Huber.
Das Naturzentrum kann individuell besucht werden oder im Rahmen einer Führung mit einer angemeldeten Gruppe, sei es mit einem Verein, einer Firma oder der Familie.
Eine faszinierende Region reich an Arten und doch fragil und verletztlich. Auch hier ist der Druck auf die Natur durch Verkehr, Industrie und industrialisierte Landwirtschaft drum herum spürbar. Um so wichtiger, diesem Paradies im Zürcher Unterland Sorge zu tragen.
Macht Ihr mit?

 


Ehrlichkeit ist sympathisch

Es lohnt sich, genau hinzuschauen, auf das Treiben rund um die Straßen. So wie vor ein paar Tagen auf der Fahrt zwischen zwei Dörfern im Schweizer Mittelland.

Gemeindeangstellte bearbeiteten eine Grün- und Schotterinsel. Wir fuhren aus Rücksicht etwas langsamer. Eine Szene überraschte uns. Ein Gemeindearbeiter besprühte Pflanzen, mit einem Vertilgungsmittel der chemischen Sorte.

Wir konnten es nicht fassen, dies in der Zeit, in der das Artensterben in aller Munde ist. Firmen verzichten zu Gunsten von Naturwiesen auf den Rasen, Kirchen berücksichtigen mehr einheimische Pflanzen auf den Friedhöfen, Bau- und Wohngenossenschaften gestalten ihre Umschwünge mit naturfreundlichen Strukturen u. a. mit Teichen und Totholz und immer mehr Private verzichten auf Neophyten, Schottergärten und auf das samstägliche Rasenmähen um bedrohte Pflanzen, Insekten und Vögel eine Überlebenschance zu geben.

 

Und was sehen wir da? Gemeindearbeiter sprühen Gift, das jeglichem Leben den Garaus macht. Was tun? Anhalten und ihn beschimpfen? Ich entschied mich zu einer offiziellen Anfrage bei der Gemeinde, höflich formuliert, denn vielleicht hätte es auch Wasser sein können oder sonst was Erlaubtes.

 

Ein halber Tag später nach der Anfrage rief mich der verantwortliche Gemeindearbeiter an. Ich lehnte mich zurück und dachte, jetzt kommt die große Rechtfertigungsrede. Das Gegenteil war der Fall. Er gab zu, eine Restmenge noch verbrauchen zu wollen. Er gab zu, dass dieser Entscheid ein Fehler war und er die Verantwortung auf sich nehme. Er gab zu, dass er ein Befürworter der Biodiversität sei und gegen ungewünschten Bewuchs nur mit Heißwasser und Feuer arbeite, Elemente der Natur.

 

Mit ehrlichen Worten sagte er mir, dass seine Entscheidung, das Gift noch zu verwenden, statt fachgerecht zu entsorgen ein völliger Fehlentscheid seinerseits gewesen sei.

 

Für diese Ehrlichkeit und Offenheit dankte ich ihm mit der Überzeugung, dass er nie mehr Gift in unsere Welt spritzen wird.

 

Die Lehre für uns?

 

Hm ... mit offenem Blick durch die Welt fahren und als mündiger Bürger kritisch nachzufragen statt gleich öffentlich anzuprangern? Vielleicht auch Respekt bezeugen, wenn ein Mensch ohne Wenn und Aber einen Fehler zugibt.

 

Urs Heinz Aerni

 

Der passende Buchtipp: „Wir können das! Fehler machen und zugeben“ Ein Kinderbuch zum Erlernen sozialer Kompetenzen von Christian Tielmann, Carlsen Verlag

 

Diese Kolumne erschien zuerst in der Zeitung „Reussbote“ (Schweiz)


Die Kunst des Grüßens

Grüezi, Grüß Gott oder Hallöchen? Die Begegnung auf der Straße oder die Begrüßung zu Beginn eines Schreibens ist das eine. Aber wie verabschiedet man sich am besten am Schluss einer E-Mail? Hier herrschen ganz eigene Gesetze. Nirgends sonst in der Kommunikation wird dergestalt mit der Grusformel variiert wie im Mail-Verkehr.

 

Wenn die Presseabteilung eines Verlages mich als Kulturjournalist anfragt, ob ich ein Buch empfehlen möchte, wird «herzlich» gegrüßt. Die ungeschriebenen Grußgesetze zeigen den Aggregatszustand einer Beziehung an. Da war diese Kundin, mit der ich für ein Projekt zu tun hatte. Wir wechselten via Mail vom «Sie» zum «Du». Jede Mail in der Startphase schloss mit «Liebe Grüße» oder «Herzliche Grüße» oder gar nur mit «Herzlich».

Dann kamen die ersten Herausforderungen in Planung und Budget. Hier begannen die ersten unterschiedlichen Ansichten zum Vorschein zu kommen, also auch Meinungsunterschiede. Demgemäß schienen sich die Grußworte der Stimmungslage anzupassen. Vom «Herzlich» mutierte es sich herunter auf «Beste Grüße» und «Gruß». Wenn kalter Krieg herrscht, so liest man dann wieder «Freundliche Grüße». In einem Comics würden an den Sprechblasen Eiszapfen hängen. Wir hüpfen also heutzutage zwischen «Herzlichst», was ja schon eine Umarmung bedeutet, und dem Formellen, wo wir uns fast zwingen müssen, überhaupt zu grüßen.

 

Als die Verhandlungen mit der oben erwähnten Kundin sich wieder entspannten und es mit dem Projekt wieder vorwärts ging, erwärmte sich die Korrespondenz wieder von den „besten Grüßen“ über „sonnige Grüße über „liebe Grüße“ bis hin zurück zu „herzlichen Grüßen“.

 

Deshalb kann die bewusst gewählte Grußform ein Stimmungsbarometer über die Qualität der Beziehung sein. So misst der Empfänger das Betriebsklima und der Absender kann sie steuern. Darum sei empfohlen, in der Signatur auf eine automatisch definierte Grußformel zu verzichten. Denn wie liest sich das denn, wenn jemand herzlich grüßt und unten über der Absenderadresse nochmals „Freundliche Grüße“ steht?

 

Sie, liebe Lesenden werden sich fragen, wie ich mich hier aus der Kolumne verabschiede. Gute Frage. Da wir uns noch nicht so gut kennen, Sie und ich, versuche ich es mal mit „Hochachtungsvoll

Ihr Urs H. Aerni.

 

Der passende Buchtipp: «Duden Ratgeber - Briefe, E-Mails und Kurznachrichten gut und richtig schreiben» von Ingrid Stephan, Cornelsen Verlag.

 

Diese Kolumne erschien zum ersten Mal in der Zeitung "Reussbote" in Mellingen (Schweiz).


Der Spagat zwischen Journalismus und politischem Bekenntnis

Die NZZ blickt kritisch hinter das Netzwerk Correctiv. Aber wie steht es mit der Eigenkritik?

 

 

In der Neuen Zürcher Zeitung vom 10. Februar sind mehrere Texte zu finden, die sich mit dem bundesweiten Protest für Demokratie und gegen AfD beschäftigen. Ein Untertitel lautet in der Zeitung so: «Angebliche Deportationspläne treiben Millionen auf die Straße». Es gehört zum kritischen und guten Ton, sich nicht ganz sicher zu sein, ob über solche Pläne gesprochen wurde. Der Artikel des Recherchenetzwerk Correctiv vom 10. Januar 2024, dass in Potsdam ein Treffen stattfand an dem AfD-Politiker, Neonazis und Unternehmer Pläne für «die Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland» geschmiedet haben sollten, treibt abertausende Menschen auf die Strassen um für eine freie Demokratie zu appellieren. Sogar am Karnevalsfest «Mainz bleibt Mainz» kriegt die AfD ihr Fett weg, mit Standing Ovation.

 

Geld und Haltung

 

Zurück zur NZZ. In der besagten Ausgabe sind kritische Töne gegenüber dem Netzwerk Correctiv zu lesen unter dem Titel «Eine Recherche verselbstständigt sich». Die AfD versucht die Glaubwürdigkeit von Correctiv zu schwächen, mit dem Hinweis der Art und Weise der Finanzierung. Die NZZ zählt Beträge auf, die u. a. aus der Landeshauptkasse Nordrhein-Westfalen aufs Konto von Correctiv flossen. Sie zitiert aber auch die Mitteilung, dass öffentliche Gelder nicht die redaktionelle Arbeit von Correctiv finanzierten, sondern in eine «Tochtergesellschaft des gemeinnützig organisierten Mediums» gelangen.

Die NZZ, genauer Oliver Maksan aus Berlin, erwähnt im kritischen Ton, dass Correctiv laufend via Ticker von den Massenprotesten mit jeweiligen Teilnehmerzahlen berichten und setzt das Fazit: «Der Weg vom Journalismus zum Aktivismus ist bei Correctiv kurz».

Mit anderen Worten, die NZZ misstraut der Berichterstattung des Correctivs. Warum? Weil Gelder aus der öffentlichen Hand fliessen, das Umfeld für eine politische Haltung steht und weil ein ehemaliger Journalist der «Welt» 2016 einer AfD-Politikerin eine Torte ins Gesicht drückte und heute für das Netzwerk arbeitet.

 

Kritik aus dem Glashaus

 

Es ist wichtig und richtig, die Qualität von Journalistischen Medien – egal welcher Couleur – kritisch zu hinterfragen, in Qualität und Stil. Wie die NZZ mit ähnlichen Fragen an ihrer Arbeit umgeht, darf ruhig auch mal zum Thema werden.

 

Am 9. Oktober 2023 erschien von Markus Schär in der NZZ ein Text mit dem Titel «Das Schweizer Fernsehen schürt seit 35 Jahren Klimapanik – oft wider die Wissenschaft und gerne auch vor den Wahlen». Das Ganze stand unter der Rubrik «Medienkritik» aber es war ein Angriff der weltanschaulichen Art. Kritische Reaktionen und Leserbriefe, die geschickt wurden, konnten nicht gefunden werden. Der neue Chef-Redakteur der NZZ am Sonntag freute sich in einem Editorial, dass ein «echter Liberaler» für die Mitarbeit gewonnen werden konnte. Ressorts für Debatten und Meinungen wurden ausgebaut. Ja, es ist bekannt, dass die NZZ ein Blatt des Freisinns ist und ja, es ist Tradition, dass die NZZ vor allen Abstimmungen regelmässig offiziell Empfehlungen der Leserschaft abgibt, so auch in der Ausgabe des 10. Februars. Zum Beispiel lehnt die NZZ die «Mythenpark-Initiative» ab und befürwortet die Pistenverlängerung des Flughafens Zürichs. Nur, sehen das alle Mitarbeitende so? Wer bestimmt eigentlich die politischen Empfehlungen der Zeitung?

 

Medienkompetenz

 

Wie ist «Aktivismus» zu definieren? Wie darf politische Meinung dergestalt medial verpackt werden, dass es noch unter «Qualitätsjournalismus» laufen darf?

 

Unter den Richtlinien für «Publizistische Grundsätze» des Deutschen Presserats ist folgendes zu lesen: «Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien.»

 

Wie sich die Medienlandschaft weiter entwickeln wird, wissen wir nicht. Das gilt auch für den Berufsstand für Medienschaffende und Publizierende. Aber eines wissen wir, dass die Bildung und Sensibilisierung der Medienkompetenz für uns alle immer wichtiger wird.

 

Abgesehen von was allem, was in diesem Hinterzimmer in Potsdam besprochen wurde, darf auch etwas Zuversicht aufkommen angesichts der vielen Menschen, die sich öffentlich für eine freiheitliche Demokratie bekennen. Oder?

 

Urs Heinz Aerni

 


Reaktion im TAGBLATT DER STADT ZÜRICH auf die Absicht, eine Natur-Oase am Zürcher Stadtrand zu überbauen. Vom 18. Januar 2023

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"Die Sprache im Zentrum der geistigen Landesverteidigung" Beitrag im BLICK von Urs H. Aerni 21. Oktober 2009
BLICK 21102009 Artikel Urs Heinz Aerni.p
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"Wissen - ein Mittel gegen Gewalt?" Essay von Urs H. Aerni im TACHLES 24. März 2006
TACHLES Essay von Urs Heinz Aerni 240320
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